Bericht im NDR Fernsehen, Das Gesundheitsmagazin, November 2016

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Herztherapie aus der Hose

Herz Aktuell | Ausgabe 31 | Juni 2015

Die Herzhose soll durch Druckimpulse an den Beinen das Wachstum neuer Blutbahnen im Herzen stimulieren. Die Behandlung soll Menschen mit Herzschwäche oder koronarer Herzkrankheit helfen. Sie könnte ihnen sogar eine Bypass-Operation ersparen.

Eine Hose gegen Herzkrankheiten klingt zunächst etwas verwunderlich. Doch die am Berliner Charité-Krankenhaus entwickelte Therapie soll die Ausbildung neuer Blutgefäße im Herz ermöglichen. Dazu nutzt sie natürliche Reparaturmethoden des menschlichen Körpers aus.
Denn viele herzkranke Patienten haben Verengungen in den großen Herzgefäßen. Das behindert die Durchblutung des Herzmuskels. Das Blut muss sich deshalb neue Wege über die kleineren Blutbahnen des Herzens suchen. Unter den richtigen Umständen wandeln sich diese kleinen Blutgefäße dann zu großen Arterien um. Mit diesen neugebildeten großen Herzgefäßen kann das Herz dann wieder besser durchblutet werden.

Sportliche Hose
Aber für diese Umwandlung sind ein schnellerer Blutfluss und ein gewisser Druck in den kleinen Ausweicharterien notwendig. Normalerweise geschieht das zum Beispiel bei intensivem Sport. Allerdings können viele Menschen mit Herzinsuffi zienz oft nur begrenzt Sport treiben. Die Herzhose soll für das Herz deshalb ähnliche Bedingungen wie bei körperlicher Anstrengung schaff en, jedoch ohne den Patienten zu belasten. Dazu legt der Arzt dem liegenden Patienten Manschetten um Unter-und Oberschenkel und das Becken an. Diese füllen sich dann zwischen den Herzschlägen mit Luft und üben so Druck auf die Blutgefäße in den Beinen aus. Dadurch wird Blut aus den Beinen in das Herz geleitet, so dass sich der Blutfluss innerhalb der Blutgefäße im Herz erhöht. So erhält das Herz die nötigen Signale zur Ausbildung neuer großer Blutgefäße. Da der Puls des Patienten aber nicht schneller wird, wird das Herz trainiert, dabei aber nicht belastet. Ziel: Dauerhaft e Besserung Eine Sitzung mit der Herzhose dauert etwa eine Stunde. Die Behandlung verläuft in der Regel über drei bis sieben Wochen und erfordert eine Therapiesitzung pro Tag. Die Behandlung muss zudem individuell auf den Patienten abgestimmt werden. Bei vielen Menschen nehmen nach der Behandlung sowohl die Brustenge als auch die Atemnot bei körperlicher Belastung deutlich ab. Das kann auch die Beweglichkeit und allgemeine Aktivität der Betroff enen verbessern. Im Idealfall sind herzkranke Menschen auf diese Weise wieder in der Lage, sich stärker sportlich zu betätigen und dadurch ihre Therapie weiter zu unterstützen.

Mit Nitrospray turnt es sich leichter | www.medical-tribune.de | Juni 2011

Herz- und Gefäßsport wird sträflich vernachlässigt: Nur 6 % aller geeigneten Patienten trainieren regelmäßig – wohl auch, weil sie die Erfahrung haben, dass sie schnell an ihre Belastungsgrenze kommen. Nitro hebt diese Schwelle und fördert so den Erfolg.

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Diese Hose macht das Herz

Berliner Kurier | 1. Mai 2011
Zwei medizinische Weltneuheiten für kranke Blutgefäße aus Berlin

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Mach Mal -„Mein Herz schlägt wieder kräftig“

Beitrag von Claudia Krause, (Bauer Verlag) | 11.08.2010
Eine bedrohliche Situation: Evelyns Herzkranz-Arterie war verstopft, ihr Herz wurde nicht mehr richtig durchblutet. Eine neue Methode, der Bio-Bypass, machte sie gesund…

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Herzgesundheit: Natürlicher Bypass statt Operation?

Quelle: Ratgeber aus Ihrer Apotheke/ Ausgabe 8A/2010 (1. August) und WWW.KRM-MEDIA.DE
Engpässe in den Blutgefäßen können zu Herzinfarkt oder Schlaganfall führen.
Bisher wurden diese Schwachstellen durch operative Eingriffe behandelt. Doch mit etwas Unterstützung kann der Körper sich auch selber helfen und natürliche Bypässe ausbilden. Darüber berichtet die Zeitschrift Ratgeber aus Ihrer Apotheke in ihrer Ausgabe 8A/2010 (erscheint am 1. August).

Werden gefährliche Gefäßverengungen rechtzeitig erkannt, gab es bisher neben Medikamenten verschiedene Verfahren, sie zu behandeln: die Aufdehnung der verengten Stelle durch einen mit Medikamenten beschichteten Ballon (Ballondilatation), die Einführung eines feinen Maschendrahtgitters (Stent) in das Gefäß, um es offen zu halten, oder eine Bypass-Operation. Dabei wird der verengte Arterienabschnitt durch ein kleines Stück Vene oder Arterie von einer anderen Körperstelle ersetzt. Rund 70.000 solcher Bypass-Operationen werden jährlich durchgeführt. Sie gelten als Routineeingriff, sind jedoch nicht ohne Risiko: Bei der sehr aufwendigen Operation erleiden jährlich fünf Prozent der Patienten noch im Operationssaal einen Herzinfarkt, ein Prozent überlebt den Eingriff nicht.

Der Körper heilt sich selbst
Ein Forscherteam der Charité in Berlin hat in einer Studie untersucht, wie sich die Selbstheilungskräfte des Körpers nutzen lassen und ohne Nebenwirkungen bessere Erfolge versprechen. Jeder Mensch hat nämlich im Umfeld der großen Arterien ein Netz von Umgehungskreisläufen: feine, dünne Blutgefäße, die allmählich den Bluttransport übernehmen können, wenn die benachbarte Arterie verstopft ist. Es ist wie im Straßenverkehr: Bildet sich auf der Hauptstraße ein Stau, wird der Verkehr in die kleinen Nebenstraßen umgeleitet. Mit dem Unterschied, dass unsere feinen Blutgefäße (Kollateralen) durch die Schubkraft des Blutes allmählich zu großen Blutgefäßen heranwachsen können (Arteriogenese). Dr. Ivo Buschmann von der Charité Berlin berichtet, dass manche Menschen komplette Gefäßverschlüsse hätten, ohne etwas davon zu bemerken. Denn bei ihnen hatten sich allmählich „natürliche Bypässe“ herausgebildet. Wie funktionstüchtig diese sind, wird durch Erbanlagen, gesundheitliche Risikofaktoren und auch durch die körperliche Fitness beeinflusst. In jedem Fall bedarf es bestimmter Impulse, um den Wachstumsprozess der Kollateralen zu stimulieren.

Sport stößt Umbauprozess an
Zum einen spielen bestimmte weiße Blutkörperchen (Monozyten) eine wichtige Rolle bei der Vergrößerung der Umgehungsgefäße. Sie kreisen als mobile Umbautruppen im Blut und transportieren Wachstumsfaktoren in die Gefäßwände der feinen Umgehungsgefäße. Dieser Prozess lässt sich durch eine zusätzliche externe Gabe dieser Monozyten ankurbeln. Zum anderen ganz entscheidend ist die Beschleunigung des Blutstroms, der die feinen Gefäße durchfließt. Denn eine stärkere Schubkraft des Blutes bewirkt den allmählichen Ausbau der engen „Umgehungssträßchen“ des Blutes in leistungsfähigere Transportwege. Durch regelmäßiges Gehtraining oder anderen intensiven Ausgleichssport lässt sich die Schubkraft des Blutes erhöhen und dadurch das Wachstum der biologischen Bypässe anregen.

„Herzhose“ simuliert Bewegung
Ein regelmäßiges Gehtraining können allerdings nicht alle Patienten mit einer fortgeschrittenen Arteriosklerose absolvieren, zum Beispiel wenn sie an weiteren Erkrankungen oder Einschränkungen der Mobilität leiden. Um auch bei ihnen die Bildung natürlicher Bypässe anzuregen, haben Wissenschaftler die sogenannte „Herzhose“ entwickelt: Sie besteht aus sechs aufblasbaren Manschetten, die paarweise um die Unterschenkel und um zwei Stellen der Oberschenkel gelegt wird. Mit dem Herzschlag blasen sie sich auf und entlüften sich wieder. Durch das „passive Training“ wird der Blutkreislauf in Schwung gebracht und das Blut mit rhythmischem Druck zum Herzen gepumpt. Ähnlich wie beim aktiven Training wird bei diesem passiven Training durch den erhöhten Blutdruck der Ausbau der Kollateralen zum biologischen Bypass angeregt.
Weitere Studien sollen zeigen, ob die Herzhose auch bei Schlaganfallpatienten und bei Patienten mit verengten Beinarterien wie der sogenannten „Schaufensterkrankheit“ oder dem „Raucherbein“ (PAVK) greift.
Das Forscherteam der Berliner Charité um Dr. Ivo Buschmann möchte eine umfassende vorbeugende Therapie für Patienten mit Arteriosklerose und weiteren Risikofaktoren entwickeln. Denn für eine effektive Vorbeugung ist das zeitlich begrenzte passive Training mit der „Herzhose“ nicht ausreichend. Gefäßpatienten müssten regelmäßig Schubspannung zum Beispiel durch Gehtraining aufbauen, damit die biologischen Bypässe erhalten bleiben

Gefäßtraining von der Stange zum molekularen Maßanzug

Beitrag Ivo Buschmann | Current Congress | 12.-15. Mai 2010
Nicht jede Art von Sport ist die richtige Antwort auf eine Gefäßerkrankung

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Hilfe gegen die heimtückische Schaufensterkankheit

Quelle: WWW.MENTALNEWS.COM

Wie beim Spaziergang neue Blutgefäße sprießen können und verschlossene Venen ungefährlich machen

Berlin/Basel. Das Blut fließt nicht sonderlich gut in den Gefäßen der Deutschen. Allein hier 4,5 Millionen Menschen leiden an einer gefährlichen Form der Verkalkung, der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit, bei der die Gefäße in den Beinen verstopfen.Der Volksmund nennt das „Schaufensterkrankheit“ – in Anspielung auf die Krampfadern, die durch langes stehen verursacht werden könne“Das ist ein Begriff, den wir nicht mögen, weil er verschleiert, dass die Lebenserwartung um zehn Jahre verkürzt ist und dass es sich um eine gefährliche Krankheit handelt“, verweist Clemens Fahrig, Beirat der Deutschen Gesellschaft für Angiologie auf die besondere Heimtücke.
Das Gewebe in den Gliedmaßen wird bei dieser Krankheit nämlich nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Im schlimmsten Fall muss das Bein amputiert werden. 60 000 solcher Eingriffe werden in Deutschland jedes Jahr vorgenommen. Obwohl Ärzte und Politiker sich 1989 verständigten, die Zahl der Amputationen binnen fünf Jahren zu halbieren, ist das noch nicht gelungen. Darauf will die Deutsche Gesellschaft für Angiologie auf ihrer Jahrestagung in Berlin, die am vergangenen Sonntag begann, aufmerksam machen.
„Viele Amputationen ließen sich verhindern, wenn Gefäßverschlüsse nur rechtzeitig bemerkt würden“, sagte Karl-Ludwig Schulte, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Angiologie dem Nachrichtendienst welt-online. „Wir haben einen Parameter identifiziert, der frühzeitig einen sehr zuverlässigen Hinweis gibt: die Knöchelarteriendruckmessung.“ Dazu wird der Blutdruck am Knöchel gemessen und ins Verhältnis zum Blutdruck am Arm gesetzt. Sobald der Wert unter 0,9 sinkt, fließt das Blut in den Beinen träger. Die Gefäße müssen dort verengt sein. „Wenn der Patient dann noch Diabetiker ist, hat er ein sehr, sehr hohes Risiko für eine Amputation“, warnt Schulte.
Wenn die Gefahr rechtzeitig erkannt wird, kann mit Bewegung, Medikamenten und einer gesunden Ernährung Schlimmeres verhindert werden. Schulte macht sich deshalb dafür stark, die Knöchelarteriendruckmessung unter Hausärzten bekannt zu machen. Der Test sei weder kompliziert noch teuer.
Nicht weniger wichtig sind die Forschungsergebnisse von Ivo Buschmann an der Berliner Charité. Er beobachtete, dass Bewegung neue Blutgefäße sprießen lässt und Ausweichrouten öffnet. Sogar bei Kranken können verkalkte Blutbahnen so umgangen werden. Ähnlich dem Verkehr, der über Seitenstraßen fließt, sobald eine Hauptstraße verstopft ist, ermöglichen diese natürlichen Bypässe einen Ausweg, wenn die Hauptarterie verkalkt ist.
„Diese Umgehungskreisläufe haben wir alle von Geburt an im Körper, in den Beinen, im Herz, im Hirn“, erklärt Buschmann. Sie müssten nur aktiviert werden. Das gelingt erstaunlich einfach durch regelmäßiges Gehtraining. Nur weil Menschen meist acht bis zehn Stunden am Tag sitzend zubringen, liegt dieser Rettungsmechanismus brach, bedauert Buschmann.
Das inspirierte den Gefäßspezialisten zur Entwicklung eines passiven Trainings für Patienten, die sich nicht oder nicht mehr ausreichend bewegen können. Eine sogenannte Herzhose, bestehend aus sechs aufblasbaren Manschetten, wird dazu an die Beine angelegt. Je zwei werden um die Unterschenkel geschnallt, je eine um die Oberschenkel. Im Takt des Herzschlags werden sie ruckartig aufgepumpt und entleert. Das beschleunigt den Blutstrom. Bei 23 herzkranken Probanden besserte sich der Gesundheitszustand dank der Herzhose nach sieben Wochen deutlich: Das Blut strömte doppelt so schnell.
Mindestens genauso wichtig wie die Forschungsergebnisse und Behandlungsmethoden ist aber die persönliche mentale Einstellung der Betroffenen. „Man kann durchaus selber dazu beitragen, gesund aus eigener Kraft zu sein oder wieder zu werden“, so Hanspeter Liechti, Geschäftsführer des Basler Gesundheitsbegleiters mentalnews.com. „Dazu ist es erforderlich, eingefahrere Verhaltensweisen und Gewohnheiten aufzugeben und sich Schritt für Schritt an mehr Bewegung zu gewöhnen. Dazu ist es hilfreich, sich das mental, also innerlich, vorzustellen, wie gut man sich dabei oder danach fühlt und wie wichtig die ausreichende Bewegung für die eigene Gesundheit ist.“

Spaziergänge lassen neue Blutgefäße sprießen

Die Welt | 07.09.2009

Das Blut fließt nicht sonderlich gut in den Gefäßen der Deutschen.Allein 4,5 Millionen leiden an einer gefährlichen Form der Verkalkung, der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit, bei der die Gefäße in den Beinen verstopfen.Der Volksmund sagt Schaufensterkrankheit dazu.“Das ist ein Begriff, den wir nicht mögen, weil er verschleiert, dass die Lebenserwartung um zehn Jahre verkürzt ist und dass es sich um eine gefährliche Krankheit handelt“, sagt Clemens Fahrig, Beirat der Deutschen Gesellschaft für Angiologie. Das Gewebe in den Gliedmaßen wird nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt….

http://www.welt.de/welt_print/wissen/article4477450/Spaziergaenge-lassen-neue-Blutgefaesse-spriessen.html

Das Blut in Wallung bringen

spiegel.de, 18. Januar 2010 – Medizin
Von Jörg Blech

Ärzte erproben eine sanfte Therapie gegen Arterienverstopfung: Durch verstärkten Blutfluss, so die Entdeckung, können sich auf natürliche Weise neue gesunde Gefäße bilden. Um die Entstehung solcher Bio-Bypässe zu fördern, haben Mediziner in Berlin eine Druckluft-Hose entwickelt.
Bewegung ist gut, aber bei Gero Behrend beschränkte sie sich aufs Zigarettenholen. Zwei Schachteln rauchte der Innenarchitekt aus Berlin jeden Tag. „Quer durch den Garten“, erzählt er. „Hauptamtlich aber Ernte 23.“ Sein Körper war damit irgendwann hauptamtlich überfordert: Behrend ist 52 Jahre alt, als seine rechte Hand nach dem Abendbrot taub auf dem Teller liegen bleibt. Das Bein zieht er nach, er nuschelt, der Mundwinkel hängt schlaff herab – ein „Schlägle“.

Für den Kettenraucher ist der Schlaganfall kein Grund, sein Leben zu ändern. „Mit der anderen Seite der Lippen konnte ich die Kippe ja noch halten.“
Die Symptome des leichten Schlaganfalls bilden sich sogar zurück, aber sechs Jahre und 87 000 Zigaretten später gibt es „Theater“ (Behrend) mit dem rechten Bein. Durch den Nikotinabusus und den Bewegungsmangel ist die Extremität kalt und blau. Im Unterschenkel sind zwei der insgesamt drei Hauptarterien verstopft.
Das Gewebe wird nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt – und beginnt abzusterben: Auf Spann und Schienbein entstehen zwei schwärende Wunden. Ein Jahr lang packt ein Dermatologe Salbe darauf, aber die offenen Stellen werden immer größer. Die Ärzte denken schon daran, das Bein unterhalb des Knies abzusägen.
Heute ist Behrend 67 Jahre alt, und es geht ihm viel besser. Entspannt betritt er ein Ausflugslokal im Berliner Grunewald und bestellt einen Kaffee. Das Bein ist noch dran, die schlimmen Wunden sind vernarbt. Ebenso erfreulich sieht es im Innern des Beins aus, wie eine Untersuchung per Ultraschall offenbart: Neben den verstopften Blutgefäßen sind kräftige Arterien gewachsen und haben das Bein von innen geheilt. Behrend: „Dass so etwas möglich ist, hätte ich niemals geglaubt.“
Die Gesundung ist kein Wunder, sondern sie beruht auf einem biologischen Phänomen, das Ärzte jetzt für eine neue Art von Therapie ausnutzen. Arteriogenese heißt der Mechanismus, der sich im Körper eines jeden Menschen abspielen kann: Neben den großen Arterien verlaufen kleine Gefäße, die sogenannten Kollateralen, die oft nur einen Zehntelmillimeter dick sind. Wenn nun eine große Arterie allmählich enger wird, sucht sich das Blut neue Wege. Es strömt zunehmend durch die kleinen Kollateralen – die sich auf diesen Reiz hin in vollwertige Arterien verwandeln können.
Die Schubkraft des Blutes wird erhöht
Diese natürlichen Brücken bergen ein bislang unterschätztes Potential zur Selbstheilung, glaubt der Gefäßmediziner Ivo Buschmann, 41, von der Berliner Charité: „Mit Hilfe der Arteriogenese können wir uns biologische Bypässe legen.“
Traditionell greifen Ärzte häufig zum Skalpell, um verstopfte Gefäße zu überbrücken: Sie entnehmen irgendwo im Körper des Patienten ein entbehrliches Stück Vene und nähen dieses als chirurgischen Bypass fest. Oder aber sie schieben einen winzigen Ballon bis zur verengten Stelle vor und blasen ihn auf. Doch nun gibt es eine sanfte Methode, die Krankheit ursächlich zu behandeln: Der biologische Bypass hat keine Nebenwirkungen, ist viel billiger und verspricht eine natürliche Heilung. Einer der Pioniere der neuen Behandlungsmethode ist Wolfgang Schaper, 75, Professor am Max-Planck- Institut für Herz- und Lungenforschung im hessischen Bad Nauheim. In Tierexperimenten band der Physiologe Versuchskaninchen die Oberschenkelarterie im Hinterlauf mit einem Faden ab. Das Blut wurde daraufhin durch die kleinen Gefäße in der Umgebung geleitet. Diese neuerschlossenen Kanäle waren anfangs viel zu eng, jedoch erweiterten sie sich nach einiger Zeit ganz erheblich und wurden schließlich zu Umgehungsarterien – fertig waren die natürlichen Bypässe. Ihre Entstehung gehorcht einem biophysikalischen Gesetz: Wenn in einer Ader das Blut schneller und druckvoller strömt, dann vergrößert sich ihr Durchmesser. „Die beschleunigte Bewegung des Blutes löst Wachstumsprozesse aus“, erklärt Buschmann. „Durch die erhöhte Schubkraft des Blutes wird die Arteriogenese angeregt.“
Das erklärt, warum regelmäßige Ertüchtigung dem Herzen so gut tut. Unter ursprünglich lebenden Naturvölkern ist der Infarkt unbekannt. Auch körperlich aktive Mitglieder der Industriegesellschaft leben statistisch gesehen erheblich länger als inaktive Menschen. Viele Hobbyläufer im Greisenalter haben aufgrund der normalen Alterung zwar Verkalkungen in den Herzkranzgefäßen, sind aber völlig beschwerdefrei. Buschmann: „Die haben sich selbst mit biologischen Bypässen versorgt.“ Die Arteriogenese erscheint wie ein in der Evolution entstandener Rettungsdienst. Wenn alte Blutgefäße mit der Zeit verengen, dann sorgt der veränderte Blutfluss für körpereigene Umgehungsadern. Nicht nur in den Beinen, auch im Becken, Gehirn und Herzen haben Ärzte die Arteriogenese inzwischen nachgewiesen. Die erhöhte Schubkraft wirkt auf die Zellen der Gefäße: In deren Kernen werden bestimmte Gene angeschaltet. In der Folge entsteht ein Protein, das sogenannte Monozyten im Blut anlockt. Diese eilen herbei, geben eine Fülle von Wachstumsfaktoren ab und bewirken damit die Umwandlung der Kollateralen in voll funktionstüchtige Adern.
Der heilsame Umbau ist jedoch eingeschränkt oder funktioniert gar nicht mehr, wenn ein Mensch Zigaretten raucht oder körperlich träge ist. Überdies dauert es mehrere Tage oder Wochen, bis ein Bio-Bypass gewachsen ist. Als Retterin nach einem Schlaganfall oder nach einem Herzinfarkt wirkt die Arteriogenese nicht schnell genug.
Aus diesem Grund versuchen Forscher neuerdings, den Mechanismus künstlich zu verbessern. In einer Vielzahl von Studien verabreichten sie Patienten bestimmte Arteriogenese-Wachstumsfaktoren per Spritze. Das machte die kranken Menschen jedoch nicht immer gesünder. Ganz im Gegenteil: Von außen zugeführt, wirkten die Stoffe wie eine Entzündung im Körper und verursachten in einigen Fällen sogar Herzinfarkte sowie eine Verschlimmerung der Arterienverkalkung.
Pulsierendes Beinkleid
Einen anderen Weg verfolgen Buschmann, seine Frau Eva, 37, und weitere Kollegen von der Charité. Sie versuchen die Arteriogenese zu aktivieren, indem sie das Blut künstlich in Wallung bringen. An einer ersten Studie haben herzkranke Probanden teilgenommen; einer von ihnen ist Holger Schulze, 54, ein Sachverständiger für Fahrzeuge aus Brandenburg.
Wie Gero Behrend ist auch er ein Mensch, der durch viel Nikotin und wenig Bewegung zum Fall für die Medizin wurde. In den Herzkranzgefäßen hat Schulze kalkhaltige Ablagerungen und Engstellen. Die Buschmann-Therapie läuft so ab: Patient Schulze wartet auf einer Liege im Evangelischen Krankenhaus im Berliner Bezirk Lichtenberg darauf, dass es losgeht. Bis zum Bauch steckt er in einer dicken blauen Hose, in die drei Schläuche führen.
Medizinerin Buschmann drückt einen Knopf. Ein Brummen erfüllt den Raum, und jählings rollen Wellen durch Schulzes Körper: Zuerst zucken die Füße nach oben, dann die Oberschenkel, dann der Unterleib. Wer den sich im Sekundentakt aufbäumenden und erschlaffenden Körper betrachtet, der muss unweigerlich an Folter denken – nur dass Holger Schulze ganz beseelt ausschaut: „Ich fühle mich, als ob ich in einem Jungbrunnen bade.“
Die blaue Hose besteht aus aufblasbaren Manschetten, die – piff, paff, puff – segmentweise voll Luft gepumpt werden. Auf jeden Impuls hin wird das Blut aus den Beinen in Richtung Oberkörper gedrückt. Auf diese Weise wird körperliche Bewegung simuliert – und wie bei einem echten Waldlauf werden in Schulzes Gehirn Glückshormone ausgeschüttet.
Die guten Gefühle sind aber nur eine Nebenwirkung der „Herz-Hose“, wie das Forscherehepaar Buschmann das seltsame Beinkleid nennt. Es geht hauptsächlich darum, die Schubkraft im Herzen zu erhöhen – um dadurch gezielt die Arteriogenese anzuregen.

Die Herz-Hose soll Anschubhilfe leisten
Sieben Wochen lang haben die Berliner Mediziner Schulze und 15 weitere Herzpatienten die Wonnen der Herz-Hose auskosten lassen, und zwar jeden Werktag eine Stunde lang. Nach der Hosen-Kur haben die Mediziner die Herzen der Probanden untersucht – und deutliche Hinweise auf sich bildende biologische Bypässe gefunden. „Die Leistung der Umgehungskreisläufe hat sich um 87 Prozent verbessert“, analysiert Eva Buschmann.
Bei immerhin 6 der 16 Herz-Hosen-Patienten gingen die Krankheitssymptome zudem merklich zurück. Im Herzen von Holger Schulze etwa sind so viele Umgehungsarterien gewachsen, dass die bereits geplante Weitung einer Engstelle gar nicht mehr nötig ist. Um den Nutzen der Herz-Hose weiter zu dokumentieren, suchen Ivo Buschmann und seine Kollegen jetzt Teilnehmer für weitere Studien. An 300 Herzpatienten, aber auch an 250 Menschen mit arteriellen Verschlüssen in den Beinen sowie an 50 Personen mit verengten Gefäßen im Gehirn wollen sie das pulsierende Beinkleid testen. Allerdings verstehen die Ärzte die Herz-Hose (Stückkosten samt Pumpe: 90.000 Euro) keineswegs als Ersatz für körperliche Bewegung. „Sich von der Herz-Hose durcharbeiten lassen und dabei vorm Fernseher liegen – genau das möchten wir nicht“, betont Ivo Buschmann. Dauerhaft könne das neuentwickelte Gerät allenfalls bei Patienten zum Einsatz kommen, die aufgrund von Amputationen und anderer Behinderungen nicht mehr laufen können. Bei anderen Patienten soll die Herz-Hose lediglich Anschubhilfe leisten. Sobald die Arteriogenese in Schwung gekommen ist, sollen die Menschen die Schubkraft des Blutes selber erhöhen: durch regelmäßige körperliche Bewegung.
Die ist nämlich der beste Dünger für die Blutgefäße – der Marathonläufer und Kardiologe Christian Seiler vom Inselspital in Bern hat das im Selbstversuch nachgewiesen. Der drahtige Arzt, 53, lief über einen Zeitraum von vier Monaten jede Woche etwa acht bis zehn Stunden und ließ untersuchen, wie sein Herz darauf reagierte: Das Training hatte die Durchblutung der Kollateralen um 60 Prozent erhöht. Seiler selbst ist kerngesund, aber er wollte auch wissen, inwiefern verkalkte Herzkranzgefäße von Ertüchtigung profitieren. Für eine Studie ermunterte er 24 Herzpatienten zu mäßigem Ausdauersport (30 Minuten an fünf Tagen pro Woche). Schon nach drei Monaten zeigte sich: Auf die maladen Pumporgane wirkte Bewegung ebenfalls wie ein Medikament. Es gab sogar einen direkten Zusammenhang: Je fitter eine Testperson war, desto mehr biologische Bypässe hatte sie.
Menschen mit bestehenden Gefäßkrankheiten sollten das Training allerdings mit einem Facharzt für Angiologie abstimmen. Damit die Arteriogenese überhaupt ihre segensreiche Wirkung entfalten kann, müssten bedeutsame Engstellen in den Gefäßen zunächst beseitigt werden, betont Karl-Ludwig Schulte, Chefarzt am Gefäßzentrum Berlin. „Ein Verschluss am Becken etwa muss behandelt werden, damit das Blut wieder bis in die Beine strömen und dort die Kollateralen überhaupt wachsen lassen kann.“
Eine Kombination aus Chirurgie und Bewegung war es auch, die Gero Behrend wieder gesund gemacht hat. In einer siebenstündigen Operation verpflanzten die Ärzte eine Vene ins Bein, um den rechten Unterschenkel wieder mit Blut zu versorgen; sodann verschlossen sie die offenen Wunden mit Haut aus der Hüfte. Die aufwendigen Eingriffe glückten – aber den zur Rettung des Beins fehlenden Anteil musste der Patient selbst beisteuern. „Ich dachte mir: Wenn ich weitermache wie bisher, dann ist das wohl nicht so gut“, erzählt Behrend. Nach 42 Jahren gab er das Rauchen auf. Dafür unternahm er fortan ausgedehnte Spaziergänge – mit Erfolg.
„Meine neuen Arterien sind ein Geschenk“, sagt der geläuterte Mann. „Ich habe jetzt immer warme Füße.“
URL: HTTP://WWW.SPIEGEL.DE/SPIEGEL/0,1518,672723,00.HTML

Der Biologische Bypass

Beilage „Gesund“ des Axel-Springer-Verlags vom 03.09.2009
Von Sabine Abel | 03. September 2009 | MEDIZIN

ARTERIOSKLEROSE

Erkrankungen des Herzkreislaufsystems, speziell die Arteriosklerose (Verengung der Gefäße) und ihre Folgen gehören zu den häufigsten Todesursachen in Deutschland. Herzinfarkt und Schlaganfall haben meist den akuten Verschluss einer Arterie zur Ursache. Engstellen oder Verschlüsse von Gefäßen können heute per Herzkatheter aufgeweitet oder mit einem Bypass überbrückt werden. Doch der Körper kann auch natürliche Bypässe bilden. Wissenschaftler arbeiten an einer Methode, mit der man diese Selbstheilungskräfte forcieren kann. Auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Angiologie (Gefäßmedizin), die vom 13. September an in Berlin stattfindet, werden die neuesten Ergebnisse dieser Forschungen vorgestellt.

Feine Gefäße entwickeln sich zum Ersatz für große Arterien
„Es gibt Patienten, die komplette Gefäßverschlüsse haben, aber davon nichts wissen, weil sie natürliche Bypässe gebildet haben“, sagt Priv. Doz. Dr. Ivo Buschmann, der zusammen mit Prof. Ferdinand Le Noble vom Max-Delbrück-Zentrum die Richard-Thoma-Laboratorien im Zentrum für Translationsforschung (ECRC) an der Berliner Charité leitet. „Wir beschäftigen uns damit, wie man die Entwicklung solcher biologischen Bypässe therapeutisch anstoßen kann.“ Zusammen mit dem von Dr. Buschmann gegründeten Arteriogenesis Competence Network (Art.Net.), einem internationalen Forschungsverbund von Wissenschaftlern aus Deutschland, der Schweiz und den USA , werden neue Therapieansätze und -verfahren in klinischen Pilotstudien erforscht.
Entdeckt wurde die Existenz biologischer Bypässe schon vor mehr als hundert Jahren bei Angiografien (Darstellung der Blutgefäße durch Röntgen) von Arteriosklerose-Patienten. Auf den Aufnahmen konnte man erkennen, dass die sogenannten Kollateralgefäße gewachsen waren. Dies sind feine Blutgefäße, die von Geburt an angelegt sind und parallel zu den großen Arterien verlaufen. „Man kann diesen Prozess mit dem Geschehen bei einem Stau auf der Autobahn vergleichen, wenn der Verkehr komplett von kleinen Umgehungsstraßen übernommen wird“, erläutert Dr. Buschmann. „Für einen biologischen Bypass haben sich die Kollateralgefäße so umgebaut, dass die Durchblutung im Herzen, im Gehirn oder in den Beinen weiterhin gewährleistet ist.“
Seit Jahren wird nach den Auslösern gefahndet, die Kollateralgefäße zum Wachsen bringen. Begonnen wurden die Forschungen von Prof. Wolfgang Schaper am Max-Planck-Institut in Bad Nauheim. Gemeinsam mit ihm setzte Dr. Buschmann die Arbeit an der Universität Freiburg und jetzt an der Berliner Charité fort. Die Wissenschaftler stellten fest, dass die zirkulierenden weißen Blutkörperchen, die sogenannten Monozyten, eine wichtige Rolle spielen. „Sie transportieren Wachstumsfaktoren in die Wände der Kollateralgefäße und beginnen dort den Umbau zu größeren Arterien“, so Dr. Buschmann. „Man kann diesen Prozess beschleunigen, indem man dem Körper solche Wachstumsfaktoren anbietet.“
Beschleunigter Blutfluss regt Gefäße zum Wachsen an
Um das arterielle Wachstum voranzubringen, sei jedoch vor allem auch eine gewisse Scherrate nötig, erläutert der Mediziner. Das heißt eine Beschleunigung des Blutflusses, durch die der Druck auf die Blutgefäße gesteigert wird. Die Scherrate kann z. B. durch intensives körperliches Training erhöht werden. Doch viele Arteriosklerose-Patienten sind aus unterschiedlichsten Gründen nicht in der Lage, regelmäßig zu trainieren. Für sie kommt als passives Training eine Behandlung mit der sogenannten Herzhose in Betracht.
In einer Pilotstudie der Berliner Forschungsgruppe und des Art.Net. unter Leitung von Dr. Eva Buschmann in Zusammenarbeit mit dem Gefäßzentrum Berlin wurden 26 Patienten behandelt, die eine sogenannte stabile Herzkrankheit haben, also eine chronische Angina Pectoris, eine Verengung der Herzkranzgefäße, die bei Belastungen zu Herzschmerzen und einem Engegefühl in der Brust führt. Eine Gruppe wurde konventionell behandelt. Die anderen Patienten erhielten sieben Wochen lang an fünf Tagen pro Woche eine einstündige Behandlung mit der Herzhose. Bei allen Patienten wurde zu Beginn und zum Abschluss der Studie der Zustand der Kollateralarterien am Herzen untersucht. Die Ergebnisse bestätigten die Vermutungen der Forscher: „In der Gruppe mit dem Passiv-Training waren die biologischen Bypässe sehr viel besser gewachsen“, sagt Dr. Eva Buschmann. „Das führte sogar dazu, dass einige Patienten, die wir behandelt haben, anschließend keinen Herzkatheter mehr benötigten.“
Große Studie mit Herzpatienten geplant
Vorbereitet wird jetzt, in Zusammenarbeit mit Prof. Karl-Ludwig Schulte, Chefarzt am Gefäßzentrum Berlin, eine große Studie mit 400 Herzpatienten. Auch hier soll ein Teil die Behandlung mit der Herzhose erhalten und die andere Gruppe konventionell therapiert werden. Anschließend werden beide Gruppen verglichen, z.B. daraufhin, wie oft Patienten mit Beschwerden zum Arzt müssen, wie häufig jemand ins Krankenhaus überwiesen wird und wie der Medikamentenverbrauch ist.
Geplant sind zudem zwei weitere Studien mit jeweils 80 Patienten: Untersucht werden soll zum einen der Effekt der Behandlung mit der Herzhose bei Patienten, die durch Verengungen der Arterien, die das Gehirn versorgen, ein erhöhtes Schlaganfallrisiko haben. In der zweiten Studie geht es um Patienten mit einer peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (PAVK). Bei dem umgangssprachlich als Schaufensterkrankheit bezeichneten Leiden sind Arterien der Beine eingeengt. Das kann zu starken Schmerzen beim Laufen führen, so dass die Betroffenen keine längeren Strecken gehen können. Ein akuter Verschluss der betroffenen Arterien ist sehr schmerzhaft und kann lebensbedrohliche Folgen haben. Auch hier soll untersucht werden, ob das passive Training mit der Herzhose die Entwicklung der entsprechenden Kollateralarterien fördern kann.
Für die große Studie mit Gefäßpatienten sucht die Berliner Charité noch Teilnehmer. Interessenten mit einer stabilen Angina Pectoris oder einer Schaufensterkrankheit (PAVK) können sich per Mail melden unter ivo.buschmann@charite.de
Die Forschungserkenntnisse sollen später in ein umfassendes Vorsorge-Programm einfließen. Gespräche dazu gebe es bereits mit einigen Krankenkassen. „Unser Ziel ist eine umfassende präventive Therapie von unter Arteriosklerose leidenden Patienten z.T. mit zusätzlichem Bluthochdruck, Übergewicht und anderen Risikofaktoren. Diejenigen, die bereits Einengungen der Gefäße haben, müssen so behandelt werden, dass sie ihre Kollateralen ausbauen. Dann sind sie gut versorgt, wenn sie einmal einen kompletten Gefäßverschluss erleiden oder die Erkrankung an anderer Stelle voranschreitet“, sagt Dr. Ivo Buschmann. Denn die bereits vorhandene Arteriosklerose in den großen Gefäßen ist meist eine chronische Erkrankung und bildet sich häufig nicht zurück.
Für eine effektive Vorbeugung sei ein zeitlich begrenztes passives Training mit der Herzhose allerdings nicht ausreichend. „Gefäßpatienten müssen regelmäßig Schubspannung aufbauen, damit die biologischen Bypässe erhalten bleiben“, betont der Mediziner. Er strebt ein weitreichendes, individualisiertes Präventionsangebot an: „Wir wollen dahin kommen, dass wir jedem Patienten genau sagen können, welche Behandlungsdauer und -stärke mit der Herzhose, welches Training, welche Medikamente er braucht und worauf er bei der Ernährung achten sollte. Der Patient soll bei uns lernen, wie er sich auch selber präventiv behandeln kann.“ URL: WWW.GESUND-MAGAZIN.DE/BIOLOGISCHER-BYPASS

Massage für den Kreislauf
faz.net – Gefäßforschung, 8. August 2009

Gegen Gefäßengpässe werden künstliche Stents oder Umgehungen (Bypass) eingesetzt. Aber es lassen sich auch die natürlich angelegten Ausweichgefäße aktivieren. Nun wurde zum ersten Mal eine Methode dafür getestet.

Von Nicola von Lutterotti

Nur wenigen Grundlagenforschern in der Medizin ist es vergönnt, jenen Augenblick zu erleben, in dem ihre Basisarbeit therapeutische Früchte trägt. Zu den Wissenschaftlern, denen eine solche Genugtuung zuteil wird, zählt der Physiologe und ehemalige Direktor des Max-Planck-Instituts für physiologische und klinische Forschung in Bad Nauheim, Wolfgang Schaper. Der heute fünfundsiebzigjährige Gefäßforscher hat seine eigenen Theorien stets den Modeströmungen des medizinischen Zeitgeistes entgegengehalten. Dabei weigerte er sich beharrlich, in die euphorische Tonlage all jener Kollegen einzustimmen, die mit simpel anmutenden Techniken einer so komplexen Krankheit wie der Arteriosklerose zu Leibe rücken wollten.

Nun, viele Jahre nach seinen Basisarbeiten im Labor, wird seine Ausdauer belohnt: Eine aktuelle Pilotstudie konnte die von Schaper in sorgfältigen Untersuchungen gewonnenen Erkenntnisse in der Klinik bestätigen. Anders als oft behauptet, ist es demnach nicht möglich, größere Schlagadern gleichsam aus dem Nichts heraus zu erzeugen. Die Angiogenese, das Aussprossen neuer Adern aus bereits bestehenden Blutbahnen, bringt lediglich dünnwandige, muskellose Haargefäße hervor.

Solche Miniaturadern dienen aber vornehmlich dem Nährstoffaustausch. Nicht in der Lage sind sie demgegenüber, größere Blutmengen zu befördern oder gar die Durchblutung zu regulieren. Diese Aufgaben übernehmen die deutlich größeren und zudem mit einer Muskelschicht ausgestatteten Schlagadern, die Arterien: Steigt die Stoffwechselaktivität in einem Gewebe – etwa im Herzen oder in den Beinen, weil man Sport treibt -, weiten sich die hier befindlichen Arterien auf und lassen folglich mehr Blut einfließen. Umgekehrt verengen sie sich immer dann, wenn der Metabolismus auf niedrigen Touren läuft.

Natürliche Bypassgefäße
Diesem fein abgestimmten Regelmechanismus kommt die Arteriosklerose, die alters- und lebensstilabhängige Verfettung und Verkalkung der Schlagadern, erheblich in die Quere. Je weiter sie fortschreitet, desto nachhaltiger behindert sie die Fähigkeit der Arterien, einem erhöhten Durchblutungsbedarf Folge zu leisten: Die quälende Brustenge beim Treppensteigen oder auch der heftige Beinschmerz beim Spazierengehen sind typische Folgen einer mangelhaften Weitenregulierung der Arterien.

Was die Behandlung solcher Leiden anbelangt, verfügt man derzeit im Wesentlichen über zwei Verfahren. So kann man den Engpass entweder aufdehnen und mit einer Gefäßstütze versehen oder ihn mit einem – körpereigenen oder künstlichen – Umgehungsgefäß, einem Bypass, gleichsam ausklammern. Eleganter und schonender wäre es freilich, wenn man den Körper dazu bringen könnte, sich selbst zu heilen.

Dieses Ziel haben in den letzten Jahren ungezählte Forschergruppen mit Hilfe von Stammzellen und Wachstumsfaktoren aller Art zu erreichen versucht. Dass ihre Bemühungen größtenteils erfolglos blieben, ist angesichts des verbreiteten Mangels an solider Grundlagenforschung wenig verwunderlich. Und außer Schaper gab es nur wenige Wissenschaftler, die den voreiligen Heilsverkündern die Unsinnigkeit ihrer Thesen vor Augen gehalten hätten. Die vereinzelt kritischen Stimmen verhallten zudem lange Zeit im lauten Getöse der Stammzell- und Angiogenese-Brandung.

Umschalten auf die Kollateralen
Jenseits der abgetretenen Forschungspfade beschritt der Bad Nauheimer Physiologe einen anderen, weniger spektakulären Weg. Zwar verfolgte auch er das Ziel, den Selbstheilungskräften des Körpers auf die Sprünge zu helfen. Anders als viele Kollegen richtet Schaper sein Augenmerk aber nicht auf die Angiogenese, sondern vielmehr auf die Arteriogenese – die Mobilisierung der schon von Geburt an vorhandenen Ersatzadern, der Kollateralen. Denn im Grunde hat die Natur recht gut vorgesorgt. So verfügen die unterschiedlichen Körperteile über ein mehr oder weniger dichtes Netz von Rettungsgefäßen, die im Bedarfsfall für verengte oder ganz verstopfte Nachbarn einspringen können. Ob und wie gut sie ihre Funktion als natürliche Bypassgefäße erfüllen, hängt einerseits von erblichen Faktoren, andererseits aber auch vom vorhergehenden Training ab.

Am besten gelingt der Übergang gleichsam von der Ersatzbank aufs Spielfeld, wenn sich das Hauptgefäß nicht abrupt, sondern langsam verengt. Denn in dem Fall bleibt den Kollateralen genügend Zeit, sich auf ihre neue Aufgabe vorzubereiten. Ohne ein solches Vortraining führt ein jäher Arterienverschluss, ein Infarkt, hingegen unweigerlich zum Untergang der nachgeschalteten Geweberegion. Besonders verheerende, vielfach auch tödliche Folgen haben solche Attacken, wenn sie sich im Herzen oder Gehirn ereignen. Umgekehrt verrichten gut eingearbeitete Kollateralen ihre Aufgabe mitunter so effizient, dass Infarkte völlig unbemerkt verlaufen.

Untersuchung der auslösenden Signale
Wie aber kommt die Arteriogenese in Gang? Den wichtigsten auslösenden Faktor, das haben Schaper und seine Schüler an der Charité in Berlin herausgefunden, stellt eine jähe Beschleunigung des Blutstromes entlang der Arterienwand dar. Staut sich das Blut vor einem Engpass etwas zurück, fließt ein Teil davon in die vorgeschalteten Kollateralen ab. Anfänglich noch in einer Art Schlafzustand, werden diese von dem plötzlich anschwellenden Blutstrom gleichsam geweckt. Die dem Herzschlag folgende, rhythmische Beschleunigung des Blutes entlang ihrer Gefäßwände gibt dann das Startsignal für alle weiteren, zur Vergrößerung der natürlichen Bypässe führenden Abläufe. In einer konzertierten Aktion sorgt eine Vielzahl von Akteuren, darunter Fresszellen, Entzündungsstoffe und Wachstumsfaktoren, dafür, dass die alten Gefäßhüllen gelockert und die kleinen Kollateralen zu größeren Bypassgefäßen umgebaut werden.

Eine Möglichkeit, diese Prozesse auf natürliche Weise zu fördern, ist regelmäßige Bewegung. Wie aus etlichen Studien hervorgeht, kommt ein kontrolliertes Gehtraining Patienten mit arteriosklerotisch bedingten Engpässen der Beine und solchen mit verengten Herzkranzarterien – einer koronaren Herzkrankheit – in erheblichem Maße zugute. Zurückgeführt wird der Therapieeffekt auf die sportbedingte Mehrdurchblutung der betroffenen Gewebe, die ihrerseits die Arteriogenese stimuliert. Regelmäßige körperliche Aktivität scheint darüber hinaus notwendig zu sein, damit die ihres Einsatzes harrenden Kollateralen langfristig am Leben gehalten werden – und das unabhängig von arteriosklerotischen Durchblutungsstörungen.

Eine neue Therapie
Nicht alle Personen mit fortgeschrittenen Gefäßengpässen sind freilich in der Lage, regelmäßige Gehübungen vorzunehmen. Für Patienten mit koronarer Herzkrankheit gibt es möglicherweise bald eine Alternative. Ivo Buschmann vom Arteriogenese-Netzwerk „Art.Net.“ hat zusammen mit Kollegen von den Richard-Thoma-Laboratorien der Charité eine auf Schapers Forschungserkenntnissen basierende Therapie entwickelt, die das Kollateralwachstum im kranken Herzen anzuregen scheint. Wichtigster Teil des „Herzhose“ getauften Verfahrens sind sechs aufblasbare Manschetten, die, paarweise um die Unterschenkel und Oberschenkel gelegt, sich jeweils in einer bestimmten Phase des Herzzyklus aufblähen.

Dabei handelt es sich um jenen Abschnitt der Herzaktivität, die Diastole, in dem sich die Kreislaufpumpe mit Blut füllt und der Herzmuskel außerdem besonders intensiv durchblutet wird. Die rhythmische Kompression der Beine während der Diastole bewirkt, dass das venöse Blut, ähnlich wie dies beim Sport geschieht, vermehrt zum Herzen zurückfließt. In der Folge steigt einerseits das bei der folgenden Herzkontraktion in Umlauf gebrachte Blutvolumen. Andererseits erhöht sich dabei die Durchblutung des Herzmuskels, die wiederum eine stärkere Beanspruchung der Kollateralen nach sich zieht.

Statt Stents
Ob diese theoretischen Überlegungen den Praxistest bestehen, haben Buschmann und weitere Forscher vor kurzem erstmals bei 23 Patienten mit koronarer Herzkrankheit getestet. Über einen Zeitraum von sieben Wochen behandelten sie sechzehn Teilnehmer jeweils fünfmal pro Woche eine Stunde lang mit der Herzhose, während sieben Versuchspersonen, die Kontrollgruppe, als Vergleich dienten. Zu Beginn und am Ende der Studie bestimmten sie bei allen Probanden den Blutfluss in jeweils derselben verengten Kranzarterie und den dazugehörigen Kollateralen. Wie die Autoren im „European Journal of Clinical Investigation“ berichten, erwies sich die Kompressionstherapie mehrheitlich als erfolgreich. So nahm der Blutfluss in den untersuchten Kollateralen fast aller Behandelten merklich zu, im Mittel um rund das Doppelte. Zugleich linderte sich sowohl die bei Belastung auftretende Atemnot als auch die Brustenge, die Angina pectoris. Demgegenüber kam es bei den Teilnehmern der Kontrollgruppe zu keinerlei Besserung des Gesundheitszustands. Sechs der auf Basis der Schaperschen Erkenntnisse behandelten Patienten ging es nach der Therapie so viel besser, dass man von der Implantation einer Gefäßstütze, eines Stents, vollständig absehen konnte.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP